Atlas über Wiens Brutvögel erschienen
Schloss Schönbrunn, Foto: Wien Tourismus

Folgt man den vier Verfassern dann hat es über 125 Jahre gedauert bis "Die Vogelwelt Wiens. Atlas der Brutvögel" endlich als knapp 400seitige Dokumentation im Verlag des Naturhistorischen Museums erschienen ist.  

Unterstützt von der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien, die die zwischen 2000 und 2003 stattgefundene Erhebung der zwitschernden und brütenden Mitbewohner maßgeblich finanziert hat, ist die Dokumentation von BirdLife Österreich und Naturhistorischem Museum auch ein erfreuliches Produkt von Wissenschaft und Amateuren. Knapp 200 Wienerinnen und Wienern haben "einfach so" die Vogelbeobachtung mitsamt penibler Kartierung und wissenschaftlicher Eintragung mitgetragen.

Es lohnt sich, den Atlas von Amsel, Türkentaube, Zilzalp oder Wendehals genau zu studieren. Nicht nur, dass man Wissenswertes über die historischen Zuzüge, aber auch Absagen an die "Vogelnest"-Stadt Wien erfährt, vor allem die jeweils doppelseitig gehaltene Vorstellung von Pirol, Rauchschwalbe und Eiskönig fasziniert. Man lernt nicht nur eine Unzahl an Wiener (Sing)Vögel kennen - der durchschnittliche Stadtbewohner dürfte doch eher einen verwaschenen Blick auf die trillierende und gurrende Vogelschar haben, denn wer weiß schon zwischen Ringel-, Hohl-, Türken- und Straßentaube zu unterscheiden? -, eingezeichnete Brutvorkommen auf einer kleine Wiener Stadtkarte, Einstufung über akute Gefährdung und etwas Familien-Geschichte machen das Porträt der 119 verschiedenen Brutvogel-Arten komplett.

Dass Großstadt und Vogelwelt einander nicht ausschließen, ist bekannt. Turmfalken im Karl-Marx-Hof, Eisvögel auf der Donauinsel, im Lainzer Tiergarten und in der Lobau, Spechtarten am westlichen, wie am südöstlichen Stadtrand, drei gezählte Brutpaare des Bienenfresser bei Stammersdorf: Obwohl die Texte nüchtern, präzise und mit erstaunlich vielen Fußnoten versehen sind, lässt sich das Buch dennoch ganz wunderbar zum Durchblättern nutzen. Eine schöne und sinnvolle Hinzufügung betrifft auch die Ausweisung der Wiener Umgangsnamen für diverse Vögel: So nennt man die Elster auch "Frau Kathl oder Liesl", der Sperber wird zum "Spatzenrichter", der Pirol zur "Goldamsel" und der Seidenschwanz zum "Bemischen Haubendrescherl". Auch die Sinnhaftigkeit diverser Naturschutzbestimmungen gewinnen durch den Katalog brütender Vögel an Boden- bzw. Buschhaftung: Wenn Bäume weder gefällt noch dem Waldgebiet entnommen werden, wenn bewusst auf Streuobstwiesen, verschiedenartige Buschhecken auch behördlich geachtet wird, dann zeitigt dies eben erfreuliche Folgen für Meisen, Girlitz und Nachtigall.

Natürlich gibt es auch Verluste zu vermelden: die Waldschnepfe brütet nicht mehr, Triel und Tüpfelsumpfhuhn haben irgendwann das Weite gesucht, andere wurden via Augenzeuge zwar gesichtet, Horste und Nester aber nicht gefunden. Wie etwa jener Kaiseradler in der Paltzgasse in Hernals Ende Mai 2003 oder besagte (Phantom)Schleiereule am nächtlichen Schwedenplatz beim Jagen vor zehn Jahren. Für Überraschungen ist also immer wieder gesorgt. Vielleicht kommt ja auch wieder einmal ein Weissstorchen-Paar auf die Idee, ihren Honeymoon in der lebenswertesten Stadt der Welt zu verbringen. In den 1970er Jahren war es schon einmal soweit: In einer Pappel am alten Parkplatz des Ernst Happel-Stadions brütete drei Saisonen lang ein solches Paar. Dass Wien da mit Rust im Burgenland verwechselt wurde, das wollen wir dann doch nicht glauben.

Gabor Wichmann, Michael Dvorak, Norbert Teufelbauer, Hans-Martin Berg: "Die Vogelwelt Wiens. Atlas der Brutvögel. Herausgegeben von BirdLife Österreich-Gesellschaft für Vogelkunde, 382 Seiten, Verlag Naturhistorisches Museum, Wien 2009, Euro 46, 20 ISBN 978-3-902421-37-1.


Quelle:
PID-Rathauskorrespondenz: www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/ Mag. Hans-Christian Heintschel Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (MA 53)

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