Warum und wie dies letztendlich zu ihrem Aussterben geführt hat, haben Daryl Codron und Marcus Clauß von der Universität Zürich zusammen mit Kollegen der Zoological Society of London erforscht und in der Zeitschrift «Biology Letters» veröffentlicht.
Das Ei des Dinosauriers und das winzige Dino-Baby
2'500-mal schwerer ist das vier Tonnen schwere Muttertier als ihr neugeschlüpftes Dinosaurierbaby. Im Vergleich dazu: Die gleich schwere Elefantenmutter wiegt lediglich etwa 22-mal so viel wie ihr Neugeborenes. Bei den großen Arten der Säugetiere sind also bereits die Neugeborenen groß. Der gigantische Größenunterschied zwischen neugeschlüpften Dinosauriern und ihren Eltern beruht darauf, daß Eier nicht unbegrenzt größer werden können: Denn größere Eier brauchen eine dickere Schale, und weil durch diese Schale der Embryo auch mit Sauerstoff versorgt werden muss, stoßen das Wachstum sowohl der Schale als auch des Eis irgendwann an ihre Grenzen. Somit können neugeschlüpfte Dinosaurierbabys nicht in gleicher Weise größer sein, wie dies bei den Säugetieren größerer Arten der Fall ist.

Viele Arten besetzen je eine Nische, und eine Art besetzt viele Nischen
Hinzu kommt, dass die neu geborenen Säugetiere dieselbe ökologische Nische wie ihre Eltern besetzen: Indem sie direkt von der Mutter mit Milch ernährt werden, nehmen sie kleineren Arten keine Nische weg. Ganz anders verhielt es sich damals bei den großen Dinosauriern: Sie besetzten im Verlauf ihres Lebens nicht nur die eine Nische der Erwachsenen, sondern hatten deren viele zu durchlaufen - von den Nischen für Tiere mit einer Körpergröße von ein paar Kilos über solche für zehn, hundert und tausend Kilo schwere Tiere, bis hin zu jenen, die von den ausgewachsenen Formen von über 30'000 Kilogramm besetzt waren.
Daryl Codron legt dar, was dies für die Artenvielfalt bedeutet: «Die Forschung geht davon aus, dass Tiere bestimmter Körpergrößen bestimmte Nischen besetzen. Bei den Dinosauriern dürfte dabei eine einzige Art einen Großteil der ökologischen Nischen besetzt haben, während die Säugetiere diese durch zahlreiche, unterschiedlich große Arten belegen.» Entsprechend zeigen die Forschungsergebniße, daß insbesondere Dinosaurier von kleiner und mittlerer Körpergröße mit sehr viel weniger eigenen Arten vertreten waren, als dies bei den Säugetieren der Fall war - weil ihre Nischen von den Jungtieren der größeren Arten besetzt wurden. «Ein Überblick über die Körpergrößen sämtlicher Dinosaurier-Arten, inklusive jener der Vögel, die ja auch Dinosaurier sind, lässt denn auch erkennen, dass nur wenige Arten existierten, deren Erwachsene zwischen zwei und sechzig Kilogramm wogen», präzisiert Codron. Und Marcus Clauss fasst die Folgen zusammen, die sich daraus ergeben und die die Forscher anhand von Computersimulationen aufzeigen: «Erstens: Diese Lücke an kleinen und mittelgroßen Arten stellt sich aufgrund des Wettbewerbs zwischen den Dinosauriern untereinander ein; bei den Säugetieren kommt so eine Lücke nicht vor. Zweitens: In der Gegenwart großer Dinosaurier sowie der permanent präsenten Konkurrenz durch deren Jungtiere entwickeln Säugetiere selber keine großen Arten.» Die dritte Erkenntnis, welche die Computersimulation veranschaulicht, betrifft die kleinen Dinosaurier: Ihnen erwächst Konkurrenz sowohl aus den eigenen Reihen wie auch durch die kleinen Säugetiere. Und dieser verschärfte Druck bringt die kleinen Dinosaurier entweder an den Rand des Aussterbens oder zwingt sie zur Eroberung neuer Nischen. Mit Letzterem haben sie sich ihr Überleben bis heute gesichert, wie Codron schlussfolgert, denn «damals mussten sie als Vögel in die Lüfte gehen.»
Die Katastrophe: Die Kleinen gehen in die Luft, und die Großen sterben aus
Hundertfünfzig Millionen Jahre lang blieb die Vorherrschaft der Dinosaurier als größte Landtiere unangetastet. Das große Massenaussterben an der Kreide-Tertiär-Grenze jedoch brachte sie in Bedrängnis, denn die Artenlücke im mittleren Größenbereich wurde ihnen zum Verhängnis. Damals starben gemäß dem gegenwärtigen Wissensstand alle größeren Tiere mit einem Körpergewicht ab ca. zehn bis fünfundzwanzig Kilo aus. Säugetiere wiesen viele Arten unterhalb dieses Schwellenwertes auf, aus denen sich nach der Katastrophe größere Arten entwickeln und die leergefegten Nischen wieder besetzen konnten. Bei den Dinosauriern aber fehlten die Arten, welche die frei gewordenen Nischen neu hätten besetzen können. Das war ihr Ende.
Literatur:
Daryl Codron, Chris Carbone, Dennis W. H. Müller, and Marcus Clauss. Ontogenetic niche shifts in dinosaurs influenced size, diversity and extinction in terrestrial vertebrates. Biology Letters. April 18, 2012. doi:10.1098/rsbl.2012.0240
Fotos: birdnet.de |