Was noch vor wenigen Jahren ein Privileg gut situierter Fotografen oder Vogelbeobachter war - nur Fernsehleute hatten vielfach schon die berühmten Sachtler-3-Beine aus Carbon - wird nun dank industrieeller Großfertigung ein Qualitätsprodukt zu erstaunlich niedrigen Preisen und damit auch für uns Vogelbeobachter interessant. Velbon, ein japanischer Hersteller, der bisher mit niedrigpreisigen Aluminiumstativen den europäischen Markt bediente, legt nun mit seiner Serie SHERPA PRO sehr preisgünstige Carbon-3-Beiner vor. Drei dieser Stative konnten wir in diesem Jahr testen.
 Die Stative CF-530, CF-630 und CF-730 sind Hybriden. Die Beine sind aus Carbon-Faser-Schichten gefertigt, der sogenannte Körper oder Kopf sowie die Mittelsäule ist aus Magnesium hergestellt. Magnesium setzt sich vor allem wegen der besseren Absorptionseigenschaften bei Erschütterungen und dem zu Aluminium ca. 1/3 geringeren Gewicht durch. Die Stative machen alle einen sehr ordentlichen Eindruck. Sie haben Drehfüße mit versenkbaren ‚Spikes' und sind damit untergrundspezifisch variabel. Die Oberrohre sind vom Werk aus bereits mit einem schwarzen Schaumstoff ummantelt. Das Überstülpen unserer alten grauen Heizungsrohrdämmungen aus dem Baumarkt erübrigt sich damit. Die ‚kleinen Schwarzen' kommen also ausgesprochen adrett daher, aber was taugen sie nun?
Leichtgewichte zwischen 1,1 kg und 2,3 kg (ohne Kopf) sind schon sehr beeindruckend. Da hat man beim CF-530 schon Sorge, dass es hält. Aber die Stative sind erstaunlich verwindungsstabil und standen auch auf Hollands Deichen verdammt gut im Wind. Für alle Freunde der besonderen Standfestigkeit wird ein nettes Feature mitgeliefert. Ein Dreieckstuch kann zwischen die Beine gehangen werden. In diesem können Steine als weitere Beschwerung hingelegt werden. Ich habe das Tuch gerne für Bestimmungsbuch, Rücksack oder den Imbiss genutzt.
Was einen Vogelgucker interessiert, ist vor allem aber das Handling. Die 3-Beiner stehen schnell sehr fest. Die Beine rasten gut ein und die drei Spreizungsgrade überzeugen. Für Makrofotografen sei darauf hingewiesen, dass die Mittelsäule geteilt und damit verkürzbar ist. Somit kann eine minimale Arbeitshöhe von 14 bzw. 15 cm erreicht werden. Die Mittelsäule wird man wohl nur beim CF-530/630 mit seinen 132 cm Arbeitshöhe (ohne Säule) benutzen - Spektive mit Schrägeinblick vorausgesetzt. Das dreigliedrige CF-730 hat satte 150 cm Höhe (bei 190 cm maximaler Stativhöhe). Damit wird der "Spektivträger" mit Stativkopf deutlich über 2 m hoch, aber die Gese llschaft wird ja immer größer...zumindest was die Kopfhöhe angeht.
Die Beine sind, ähnlich wie beim Konkurrenten Gitzo mit Drehverschlüssen zu arretieren. Auch im Februar bei eisiger Kälte waren sie immer gängig und vor allem trotz klammer Hände sehr gut drehbar. Bisher gab es keine Probleme mit eindringendem Schmutz. Ich bin bei Regenwaldexkursionen zu einem Freund der Drehverschlüsse geworden, nachdem ich mehrfach mit den Klippern meines Manfrotto-Stativs im Dickicht hängen geblieben bin. Aber dies ist vermutlich Geschmackssache. Demnächst will Velbon wohl auch Klipp-Verschlüsse alternativ anbieten - die eleganten Beine bleiben also im Angebot.
Die Diskussion mit der Partnerin stand ins Haus und die Frage lautete: "muss das denn auch noch sein?" Sich ein Carbon-Stativ zu kaufen war bisher Herzenssache wie auch die Entscheidung für den übermotorisierten Turbodiesel. Aber während ich mir bisher eine Anschaffung "technisch hinargumentieren" musste, stehen mir die Argumente nun objektiv zur Seite:
- Die 3-Beiner sind ordentlich verarbeitet, allein die Unterlegscheiben bei den "Kleinen" (CF-530/630) zeigten nach Salzwassergischt Korrosion. Ein Mangel, der sich noch selbst abstellen ließe.
- Die Velbon-Dreibeiner sind günstig. Den Preis-Vergleich mit den Aluminium-Kollegen brauchen sie nicht zu scheuen, ganz zu schweigen von den Carbon-Konkurrenten in den bekannten Stativlagern.
- Für Vielflieger wie mich ist das Gewicht natürlich ein doppeltes Argument (gegenüber meiner Freundin mit dem besorgniserregenden Frauenutensilien...). Das CF-530 ist mit seinen 1,1 kg Gewicht und einem Preis von ca. 230 Euro für den Vogelbeobachter eine attraktive Alternative.
Besser gefiel uns allerdings der größere Bruder CF-630. Grund hierfür ist die Stativschraube, die in zweifacher Ausführung in beiden gängigen Größen montiert ist. Und: das CF-630 ist mit ca. 250 € kaum teuerer als sein kleiner Bruder! Das noch größere CF-730 beeindruckt durch seine Gestalt, die Beine haben robuste 32mm Durchmesser und 190 cm Stativhöhe sollte auch für die ‚Gradeinblickler' unter den Spektivguckern reichen.
Allerdings wird dies "teuer" bezahlt. Das CF-730 hat im Gegensatz zu den beiden kleineren Brüdern eine Grundlänge von 70 cm und passt damit vielleicht gerade nicht mehr in den normalen Reisekoffer, auch bei meiner "Duffel" (Weichtasche) fehlten wenige Zentimeter. Das Stativ ist für seine Größe immer noch leicht, knappe 2,4 kg. Das verarbeitete mehr an Carbon schlägt dennoch vor allem im Preis zu Buche, schlappe 400 Euro. Damit wird das CF-730 fast wieder zu Luxus, denn die Kosten für den Stativkopf kommen ja noch hinzu.
Die Entscheidung liegt zwischen Gefühl und Vernunft, das CF-630 sollte es wohl sein. Das kenne ich doch noch woher?! Ich vergaß zu sagen: meine Freundin hat zwar immer noch die schöneren Beine, aber das ‚kleine Schwarze' steht mir auch sehr gut, wie ich finde.
Infos im web: http://www.jobo.com/jobolab/ bald auch im birdshop! Fotos: Jörg Kretzschmar |