Glasschlag kostet 240.000 Singvögeln das Leben

Rund 240.000 Singvögel sterben täglich in Europa, weil sie gegen Glasfassaden, Fensterscheiben oder Wintergärten fliegen

Ein dumpfer Knall, Flaumfederreste an der Scheibe - und wieder starb ein Vogel, weil er in Scheibe flog. In Hamburg, so schätzt Stephan Zirpel, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Hamburg, sind es allein 4000 bis 5000 täglich.

Damit könnte jetzt Schluss sein: Die Wohnungsbaugenossenschaft Gartenstadt Wandsbek eG lässt für den Neubau ihres Verwaltungsgebäudes ein bisher konkurrenzloses Spezialglas verbauen, das den Vogelschlag um 75 Prozent reduziert. Der Einbau der erst im Frühjahr 2009 eingeführten Scheiben in die 325 Quadratmeter große Fassade ist weltweit bisher einzigartig.

Von der ersten Idee im Jahr 2000 vergingen viele Jahre der Diskussionen und der wissenschaftlichen Versuchsreihen, sagt Andreas Galla von Isolar Glas aus Kiel. "Ein spezielles Beschichtungsverfahren brennt Metalloxid auf die Scheibe. Für Menschen ist das fast nicht sichtbar, aber Vögel können das dadurch absorbierte und reflektierte UV-Licht erkennen. Wir nennen es 'Spinnennetz-Effekt': Die Tiere sehen feine Streifen und erkennen dadurch die Scheibe als Barriere." Am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell wurde Ornilux, so der Name des Glases, mit 19 wild gefangenen Gartenvogel-Spezies getestet: Amsel, Kohlmeise, Zilpzalp und Zaunkönig wurden insgesamt 850 Mal im Flugkanal freigelassen, in dem zwei Glasscheiben standen - eine mit, eine ohne Beschichtung. Dabei flogen die Tiere eindeutig mehr auf das unbeschichtete Glas zu. Zu Schaden kam dennoch kein Vogel: Feine Netze verhinderten den Aufprall.

Für den 2,5 Millionen Neubau der WGW-Geschäftsstelle im Gartenstadtweg in Wandsbek hat Vorstandvorsitzender Hans-Peter Siebert mit seinem Team lange das Internet durchforstet, um das spezielle Glas zu finden: "Gerade in der Gartenstadt leben viele Singvögel, und wir fühlen uns der Natur verpflichtet." Dafür nimmt er auch die Mehrkosten von 40 000 Euro gerne in Kauf.

Siebert: "Wir sind sicher, dass sich das langfristig rechnet." Sowohl für Architekt Carlos Montufar als auch für Bauleiterin Anne Morotini der Otto Wulff Bauunternehmung GmbH war die Arbeit mit Ornilux neu. Ein Vorgänger-Modell wurde bereits im Bronx-Zoo in New York verbaut - allerdings konnte man da noch breite Streifen erahnen, die bei der neuen Generation nicht mehr sichtbar sind.

"Hamburg ist eine Stadt aus Glas", sagte Zirpel. "Ich hoffe deshalb auf viele Nachahmer, besonders bei der Umsetzung von öffentlichen Bauten in der Umwelthauptstadt." Das Bauprojekt der WGW zeichnete er gestern für "vogelschutzgerechtes Bauen" aus.

 

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