Nach der Wahl des Kormorans zum Vogel des Jahres hatte es zum Teil heftige Kritik von Sportfischern gegeben, die einen vermehrten Abschuss des flinken Fischjägers forderten. Als Begründung wurde die ungebremste Vermehrung des Ruderfüßers angegeben, die angeblich zur Ausrottung seltener Fischarten führe. „Die aktuellen Zahlen belegen, dass die Kormoran-Bestände in Hessen nicht zu-, sondern drastisch abgenommen haben“, weist der Biologe Eppler die Kritik zurück. Die Gefährdung seltener Fischarten lässt sich nach den Worten Epplers auf den völlig unzureichenden ökologischen Zustand vieler Gewässer zurückführen. „Hier wird ganz augenscheinlich der Kormoran zu Sündenbock erklärt, um vom Versagen bei der umfassenden ökologischen Aufwertung der Flüsse, Bäche und Seen abzulenken.“ so die Naturschützer einhellig.
Bei den aktuellen Winterzählungen von HGON und NABU wurden 2630 Kormorane an 62 Schlafplätzen ermittelt. 25 einstmals genutzte Schlafplätze waren bereits verwaist. In 2004 überwinterten noch 3500 und in 2008 über 3690 Kormorane an hessischen Gewässern. „Die Bestandsabnahmen der Brutpaare im Sommer sind noch dramatischer“, so Conz, „bei den Zählungen der Staatlichen Vogelschutzwarte und der HGON konnten wir in 2004 noch 569 Brutpaare feststellen, im letzten Jahr dagegen nur 300. In fünf Jahren hat sich der Brutbestand damit nahezu halbiert!“ Dabei war der Kormoran nach jahrhundertelanger Ausrottung erst Mitte der 1980er Jahre als Brutvogel nach Hessen zurückgekehrt. Nur wenig später haben Sportfischer-Verbände bereits wieder den Abschuss von Kormoranen durchgesetzt. „Seither hat sich die Zahl der von den Fischereibehörden erteilten Abschussgenehmigungen verdoppelt. Teilweise werden sogar noch zur Brutzeit Vögel erlegt. Das muss angesichts der jüngsten Bestandsentwicklung aufhören. Sofort!“ betont Oliver Conz.
Hintergrundinformationen Jahrzehntelang war der Kormoran aus Deutschland so gut wie verschwunden – das Ergebnis intensiver Verfolgung bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dank verbesserter Gesetze zum Vogelschutz und angesichts großer Fischmengen in nährstoffreichen Gewässern stieg die Anzahl der Tiere seit Anfang der 1980er Jahre wieder an. Heute leben in Hessen rund 300 Brutpaare. Sie kommen vor allem am Rhein, an der Eder, der Nidda und der Lahn vor. „Die Rückkehr des Kormorans ist ein Erfolg für den Vogelschutz, auf den wir stolz sein können“, betont Gerhard Eppler. Weil sich der Kormoran von Fischen ernährt, hat er nicht nur Freunde. Nach wie vor versuchen Teichwirte und Angler Politiker und Behörden mit einseitigen Argumenten wie der angeblichen Bedrohung seltener Fischarten und der wirtschaftlichen Schädigung zu überzeugen. Ihnen ist es gelungen, eine Ausnahmebestimmung zum gesetzlichen Schutz zu erwirken. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat die Entscheidung über den Abschuss der Kormorane aus der Hand der Naturschutzbehörden genommen und auf die Fischereibehörden übertragen. Seither ist die Zahl der Abschussgenehmigungen sprunghaft angestiegen.
Der NABU und die HGON lehnen eine flächendeckende Verfolgung der Kormorane grundsätzlich ab. Kormorane vernichten keine Fischbestände und gefährden langfristig auch keine Fischarten. Allerdings können sie an Fischteichen wirtschaftliche Schäden anrichten. Doch es gibt Möglichkeiten, dies zu verhindern, ohne den natürlichen Bestand der Vogelart erneut zu gefährden. „Die Auseinandersetzung um den Kormoran ist ein Prüfstein für einen umsichtigen Artenschutz in Hessen.“, so Oliver Conz. „Sie zeige auf, ob man bereit ist, ökologische Fakten zur Kenntnis zu nehmen oder davor die Augen verschließt.“ Denn es gibt Alternativen. Zu den zeitgemäßen Strategien zählt vor allem, Ruhezonen für Wasservögel an Flüssen und Seen zu schaffen. So werden sie an Orte gelenkt, an denen sie problemlos geduldet werden können. Wenn sich Kormorane hier ungestört ernähren können, verringert sich auch der Druck auf Fischzuchtanlagen oder die Rückzugsräume seltener Fischarten. An Fischzuchtanlagen gibt es Möglichkeiten, wirtschaftliche Schäden durch das Überspannen mit weitmaschigen Drahtnetzen sowie durch optisches und akustisches Vertreiben zu verhindern. Weitere Informationen: NABU Hessen: Gerhard Eppler, Tel.: 06257-64371 HGON: Oliver Conz, 06195-805900 |