In der Geier-Kinderstube in der hohen Voliere unterhalb des Koniferentälchens sitzen seit März dieses Jahr zwei Küken. Je größer die Küken werden und je höher sie ihre Schnäbel über den Horstrand hinaus recken, um an den vorverdauten – aber aus Geiersicht durchaus leckeren – Fleischbrei aus Mamas Kropf zu gelangen, desto besser sind sie für Besucher zu sehen. Das Brutgeschäft beginnt bei den Gänsegeiern in der Regel Ende Januar: Dann legen die Geierfrauen je ein Ei, bebrüten es im Wechsel mit ihren Geiermännern fast zwei Monate lang und ab Mitte März schlüpft pro Paar ein Küken. Das wiegt bei der Geburt rund 200 Gramm und ist anfangs ganz auf die Futterlieferungen aus der elterlichen Kropf-Küche angewiesen. Je älter das Küken, desto weniger nehmen die Eltern ihm die Arbeit durch Vorverdauen ab. Schließlich muss der Jungvogel lernen, später selbstständig große Fleischbrocken zu verschlingen. Den Speiseplan bestimmen bei Geiers ausschließlich tote Tiere – ob im Zoo oder in der Natur.
Im Freiland spielten die riesigen Vögel mit Flügelspannweiten bis zu 2,80 Metern dadurch als „Gesundheitspolizisten“ lange Zeit eine bedeutende Rolle. Kein Aas blieb in ihrem Hoheitsgebiet liegen, sondern wurde von den Geiern noch aus 3000 Metern Höhe geortet, angeflogen und dann „weggeputzt“, was die Ausbreitung von Seuchen wirkungsvoll verhinderte. Doch der Mensch dankte den Bestattungsunternehmern aus der Luft ihren Service schlecht und rottete sie vielerorts aus – beziehungsweise entzog den Geiern durch die Beseitigung von Viehkadavern ihre Nahrungsgrundlage, wie etwa auf der Schwäbischen Alb. Die meisten der rund 20.000 Brutpaare Europas brüten heute in Spanien, zumal dort bis vor einigen Jahren totes Vieh an bestimmten Plätzen noch für sie liegen bleiben durfte. Aufgrund der tierseuchenhygienischen EU-Verordnungen ist es damit heute vorbei, so dass für die Geier der Tisch auch in Spanien nicht mehr reich genug gedeckt ist. Auf der Suche nach Nahrung schwärmen sie in andere Länder aus – doch da es dort nicht anders aussieht, droht ihnen nicht selten der Hungertod.
Auch im Balkan waren die Gänsegeier bis vor etwa 50 Jahren heimisch, dann machten vor allem vergiftete Köder für Wölfe auch ihnen den Garaus. Die Organisation „Balkan Vulture Action Plan“ möchte das Balkanmassiv nun als Heimat für die Geier zurückgewinnen. Bereits 2010 hat sie die ersten 26 Vögel dort wieder in die Lüfte entlassen. Dieses Frühjahr kommen 25 Gänsegeier aus Frankreich dazu und, wenn alles klappt, im Herbst auch vier aus Stuttgart. Zwei aus dem Jahr 2011 und die beiden, die jetzt noch im Jugendflaum im Netz sitzen.
Quelle: Wilhelma Zoologisch-Botanischer Garten Stuttgart Foto: W. Kühn/naturgucker.de
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