Digitaler Quatsch? Ein Leserbrief
Immer noch stoßen sich passionierte Fotografen - Amatuere wie Profis - an der Digitalfotografie, die Sie oftmals als qualitätslose Spinnerei abtuen. Wir veröffentlichen hier einen Leserbrief von Dr. Stephan Roscher, der beispielhaft auf diese Vorbehalte eingeht. Er bezieht sich auf einen Leserbrief eines Kritikers in der Zeitschrift NaturFoto. 

Zum Leserbrief „Digitaler Quatsch?“ von J.R. in: NaturFoto Nr.10

Wenn es so wäre, wie Sie mutmaßen, sehr geehrter Herr R., dass der von Ihnen so bezeichnete „digitale Quatsch“ in der stets lesenswerten Zeitschrift „NaturFoto“ lediglich „am Rande Beachtung“ fände, wäre mein Abo längst gekündigt und mit Sicherheit nicht nur meines.

Gottlob erkenne ich nach anfänglichen Berührungsängsten eine zunehmend aufgeschlossene Auseinandersetzung mit der Revolution der Fotografie, als die ich das digitale Prinzip verstehe. Ich muß nicht eigens betonen, dass ich es für ungemein segensreich halte und weiß, dass auf diesem Weg zahlreiche Menschen erst zur Fotografie und zur Beschäftigung mit der Natur gelangt sind, die zuvor eher abseits standen. Manche haben es dabei in relativ kurzer Zeit zu einer Perfektion gebracht, die dem Anliegen, Natur zu zeigen, zu begreifen und zu schützen, nur dienlich sein kann. Und was z.B. die vielen Birder und Ornis, die sich an ihren Aufnahmen mit Spektiv und digitalen Kompaktkameras erfreuen, heute ohne den „digitalen Quatsch“ machen würden, weiß ich nicht.

Tatsache ist, dass das Niveau digital erzeugter Fotos heute längst vorzüglich sein kann, besonders gilt dies für den Bereich digitaler SLR-Kameras mit Wechseloptiken. Wer das Glück hat, eine Canon EOS 1D Mark II oder eine 1Ds sein eigen nennen zu dürfen, braucht sich qualitativ gewiß nicht hinter den analogen Kollegen zu verstecken, vorausgesetzt er versteht - ganz wichtig! - sein „Handwerk“ und weiß mit Blende, Verschlußzeit und Empfindlichkeit gekonnt umzugehen. Demjenigen freilich, der weder das technische Know-How noch das berühmte „Händchen“ und ein geschultes „Fotografenauge“ besitzt, werden analog wie digital immer lediglich Schnappschüsse und einige Zufallstreffer vergönnt sein.

Die digitale Fotografie, die ich seit 1998 mit großer Hingabe betreibe, brachte mich persönlich übrigens zu meinem heutigen Beruf als Sportfotograf, der für mich auch Berufung ist. In dieser Branche ist längst kein analoger Fotograf nur auch noch annähernd existenz- und konkurrenzfähig. Im Naturfotobereich, der mein Hobby darstellt, ist es nicht ganz so eindeutig, aber auch hier machen sich längst viele Fotografen, darunter auch namhafte wie Pölking, die Vorzüge des neuen Prinzips zunutze. Auch der Tierfotograf hat beispielsweise etwas davon, wenn er sich die für Tieraktivitäten besonders attraktive Zeit der Abenddämmerung zunutze machen kann durch individuelle Anpassung der ISO-Empfindlichkeit an die aktuellen Lichtbedingungen.

Ich habe durchaus Respekt vor denjenigen Fotografen, die aus grundsätzlichen Erwägungen oder aus Vertrautheit mit der Materie bei der Analogfotografie verleiben. Qualitative Begründungen können sie freilich für ihre Entscheidung immer weniger geltend machen, wobei ich - wie gesagt - von anspruchsvollen digitalen Hochleistungskameras spreche und nicht von den 120-€-Silberknipsen für „Otto Normalverbraucher“ aus dem LIDL oder Tengelmann. Letztere sind freilich insofern auch wiederum nicht völlig sinnlos, als sie den einen oder anderen Käufer motivieren werden, sich eingehender mit den Gesetzen und Erfordernissen der Fotografie zu befassen und das Einstiegsgerät bald gegen eine brauchbare Kamera einzutauschen. Oder wollen wir um jeden Preis die Exklusivität einer „Fotografenkaste“ bewahren und uns nach außen gegen die im Digitalzeitalter zwangsläufig in zunehmender Zahl auftretenden Newcomer und Seiteneinsteiger abschotten?

Ich meine aber auch, wir sollten hier keinen pseudoreligiösen „Krieg“ führen, sondern schlicht und einfach Qualität sprechen lassen und Ergebnisse beurteilen. Aus diesen ergibt sich nahezu automatisch, dass das digitale Prinzip weiter an Boden gewinnen und folgerichtig auch in den Fachmedien gebührende Berücksichtigung finden wird.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Stephan Roscher

Dr. Stephan Roscher
Freier Fotojournalist
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